15
Apr
2008

Neid

Der letzte Gang unter Menschen hat sich eigentlich schon am Mittwoch zugetragen, also vor knapp einer Woche. Das wahnwitzige Wieder-studieren hinderte mich daran, früher darüber zu schreiben. Oder vielleicht musste auch erst der Ärger verrauchen.

In meinem realen Leben bin ich ... hm, sagen wir mal in einem bestimmten Bereich tätig, und das zu allem Überfluss nicht ganz erfolglos. Die Tätigkeit beinhaltet den (bescheidenen) Gang an die Öffentlichkeit und richtet sich an ein Auditorium im weitesten Sinne, also ein Publikum, das den Inhalten, die ich so in die Welt streue, mehr oder minder interessiert, auf alle Fälle aber freiwillig folgt. Und da ich nicht die einzige bin, die diese Tätigkeit ausübt, habe ich in dem Bereich auch Fachkollegen.

Ja, und das ist der Punkt, wo die Misere beginnt.

Zwar bin ich weit davon entfernt, ein Millionenpublikum um mich zu scharen, aber im Vergleich zu meinen lieben Kollegen, die jeder inklusive Schwiegermutter und sich selbst vielleicht ein gutes Dutzend Menschen mit ihrer Arbeit begeistern, habe ich ein paar Konsumenten mehr.
Ich wäre die letzte, die behauptete, dass das an meiner herausragenden Qualität läge. Vermutlich ist es die Summe aller Teile, das große Ganze, die Melange. Vielleicht deckt sich meine Art der Inhaltsvermittlung besser mit dem, was sich die Mehrheit erwartet. Ich hab keine Ahnung warum das so ist, und ich würde lügen, behauptete ich, dass es mir gegen den Strich gehe. Meinen lieben Berufskollegen ist es aber seit jeher ein Dorn im Auge, dass jemand wie ich, ein Quereinsteiger, der das Handwerk nichtmal richtig studiert oder gelernt hat, soviel mehr positives Feedback erhält als sie selbst. Und so wird halt an allen Ecken gestichelt, wo nur geht.

In regelmäßigen Abständen finden Treffen dieser Berufsgruppe statt, zu denen ich nur sehr selten erscheine, vornehmlich aus oben genanntem Grund. Sie sind zwar alle sehr freundlich und es fällt da kein wirklich böses Wort. Der Neid schwingt eher in Randbemerkungen durch, wie der beständigen Bewunderung, dass man "mit sowas" (i.e. meiner Arbeit) soviel Erfolg hat. Oder dass ich ja eigentlich nur den Mainstream bediene (i.e. die tumbe Masse, denn das intelligente Fachpublikum fühlt sich von mir eh nicht angesprochen). So und dergleichen, immer mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

Letzte Woche war ich nach längerer Zeit wieder bei so einem Zusammenkommen, es verlief wie immer. Freundlich, nett und neidisch, dass man meinte, sie hätten alle Hepatitis im Endstadium.

Ich versteh's nicht. Ich persönlich freue mich für jemanden, wenn er ein bisschen Erfolg hat. Und wenn mir die Sache, die er macht, nicht gefällt, dann staune ich vielleicht, versuche aber zumindest, sie zu verstehen.
Das Problem ist wohl, dass ich mir da eine zuhöchst konservative Branche ausgesucht habe, in der es als Todsünde gilt, wenn man nur einen Millimeter vom vorgegebenen Weg abweicht. Man muss in ein Schema passen, sonst hat man keinen Wert. Oder so ähnlich. Ich finde das jedenfalls sehr deprimierend.

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little.sista - 15. Apr, 21:12

Also ich muß gestehen, ich bin jetzt richtig neugierig geworden und kann mir absolut nicht richtig vorstellen was du so machst im "realen Leben"... Hmmm... aber ich finde du hast schon recht, es gibt leider viel zu viele Menschen, die Anderen keinen Erfolg gönnen. Neid ist eine der schlechtesten Angewohnheiten der Menschheit. Ich persönlich freu mich auch, wenn jemand den ich kenne Erfolg hat. Natürlich schwingt auch etwas Neid mit - das ist nun mal menschlich - aber ich freue mich trotzdem für die Person! Und - ohne dir zu nahe treten zu wollen (da du ja auch studierst) - ich merke immer wieder (auch im Beruf): je gebildeter ein Mensch ist, also je höher und "besser" sein Titel, um so neidischer und griesgrämiger sind die Menschen. Aber auch hier gilt - Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich drück es jetzt mal ganz salopp aus - ignorier die Idioten einfach ;-)

menschenleer - 15. Apr, 21:31

Tja, prinzipiell ignoriere ich sie ja. Das Problem ist nur, dass sie die "Branche" repräsentieren, in welcher ich sozusagen nicht existiere, sobald dort mal jemand nachfragt. Es sei denn, es wird direkt nach mir gefragt, was gelegentlich vorkommt, und dann steigen wieder die (figurativen) Giftwolken in den Äther.
twoblogs - 16. Apr, 01:34

Liebe G., ich wollte wissen, ob Sie meinen schwarzen Fineliner schon aufgegriffen haben? Audrey

PS: Im uebrigen schliesse ich mich little.sista an, was die Neugier betrifft. Differenzierter: ich bin ja nicht neugierig um der Neugier willen, sondern weil meine Empathie schnell ihre Grenze hat, wenn ich raten muss; wenn die Mystifikation um sich greift.

Und Neid kenne ich auch, und zwar dann, wenn es keinen Rueckhall gibt, ich aber hoere, dass bestimmte Kolleginnen oder Kollegen gelobt worden sind. Oder ich einige Zeit keinen einzigen Leserbrief krieg, waehrend manche angeblich taeglich mehr als einen kriegen.

menschenleer - 16. Apr, 11:03

Ich habe mich jetzt mal zum Fineliner geäußert, werde aber von dem dumpfen Gefühl beschlichen, dass ich da schon wieder etwas total missverstanden habe. So habe ich noch nichtmal das Söckchen durchschaut, das Sie an einige Leute weitergaben. Im Normalfall steht da doch angegeben, was man zu tun habe (seine Füße fotografieren und derlei Dinge), oder?

Ja, die Neugier ist ein schlimmes Ding. Das ist auch der Grund, warum ich lange überlegt habe, ob ich diesen Beitrag posten soll, da ich mich damit schon in Richtung Outing begebe. Kann ich aber nicht tun, weil ich, würde ich verraten, um welche Branche es hier geht, diese Kritiken gar nicht anbringen dürfte. Wenn das die lieben Kollegen erführen...

Ich will nicht behaupten, dass ich frei von jeglichem Neidgefühl sei. Natürlich frage ich mich auch mitunter wehevoll, wieso dieser oder jene mit soviel weniger Qualität so viel mehr Kohle scheffelt als ich, aber ich investiere nicht Gift und Galle in diese Angelegenheiten. Will meinen, ich bin vielleicht der stillen Meinung, dass der Konkurrent schlechtere Arbeit als ich liefert, hege aber keine Hassgefühle oder Aversionen gegen ihn.
dico - 26. Apr, 17:23

"Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung." sagte Wilhelm Busch einst. Ich bin geneigt, dem zuzustimmen.

menschenleer - 26. Apr, 17:40

Anerkennung des Erfolges, vielleicht, aber nicht Anerkennung der Qualität der Leistung.
dico - 26. Apr, 19:19

Ja, aber ist der Erfolg nicht auch durch die Qualität der Leistung bedingt?

menschenleer - 26. Apr, 22:44

Das beste Argument, das die Neider dagegen aufbringen und dem man leider auch nichts entgegensetzen kann, ist auf die Dinge zu verweisen, die gemeinhin Erfolg haben. Reality TV-Shows. Die BILD-Zeitung. Volkstümliche Schunkelmusik.

Ich will niemandem zu nahe treten, der das mag, aber ich persönlich finde diese Dinge eigentlich nicht gut. Erfolgreich sind sie aber allemal.
Ja, und genau diesen Umstand reiben mir die Neider natürlich besonders genüsslich unter die Nase. Dass auch mal was Gutes Erfolg haben kann und regelmäßig auch hat, ist erstens eine subjektive Beurteilung und zweitens genau deshalb nicht messbar.

Ich will nicht gegen dein Argument reden. Ich gebe nur den Tenor einiger meiner Fachkollegen wieder.
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ein Baum allein im Wald...

Worum es geht

Dokumentierter Versuch, mich als Misanthrop zu resozialisieren und in meiner direkten Umgebung Menschen kennenzulernen, die mich nicht nach fünf Minuten langweilen. Ach ja, Zyniker bin ich auch noch, und da ich in Wien lebe, ist mein Projekt ohnehin zum Scheitern verurteilt.
Ich bin übrigens weiblich, verzichte aber aus Bequemlichkeit auf die feminine Form. Hier geht's zur Selbstdarstellung.

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