Paul & Co.

24
Apr
2008

Anziehend

"Was ist es, das dich an einem Mann reizt?" wollte Paul spontan von mir wissen. Ich war auf die Frage nicht vorbereitet und wusste im ersten Moment nicht, was ich darauf antworten sollte.
"Du hast mir erzählt," gab er nicht auf, "dass dich sein Aussehen nicht primär interessiert. Was ist es dann?"
Schweigen.
"Gut, dann erinnere dich an die letzten Männer zurück, die dich interessierten - oder vielleicht noch interessieren. Was reizt dich an ihnen?"
Ich überlege. Mir fallen keine Männer in der Vergangenheit ein, es ist einfach zu lange her. Dafür fällt mir einer ein, an dem ich tatsächlich gegenwärtiges Interesse hätte.
"Mein Steuerberater," sage ich, und jetzt schweigt Paul erstmal eine Weile. Verdattert, wie ich vermute. Er fängt sich aber rasch.
"Gut... äh.... und was hat der, das andere nicht haben?"
Gute Frage. Ich überlege wieder.
"Nun ja, er hat einen trockenen, manchmal sogar recht frechen Humor. Ich vergesse nie, dass er mich bei unserem ersten Termin mal die Sozialversicherungstante nannte, weil ich ihn zu Fragen meiner SV konsultiert hatte."
Pauls Interesse steigt, er fordert mich mit Blicken auf, weiter zu erzählen.
"Außerdem finde ich es bemerkenswert, dass er, ehe er Steuerberater wurde, buddhistische Philosophie studiert hat."
Ich weiß, was Paul jetzt gleich fragen wird, dem komme ich zuvor.
"Nein, ich habe ihn noch nicht gefragt, ob er mit mir ausgehen will. Und weil du jetzt gleich nach dem Warum fragen wirst: Zum einen, weil er mein Steuerberater ist und demzufolge weiß, wie es mit meiner finanziellen Lage bestellt ist. Ich kann es nicht beschwören, aber ich glaube, er ist ein bisschen paranoid, was Frauen betrifft, er meint, die wollten ihn nur des Geldes wegen. Vielleicht unterstelle ich ihm da ja etwas, aber... naja, ist halt so mein Eindruck. Außerdem..."
Ich muss kurz nachdenken, weil mir der zweite Grund jetzt erst so richtig bewusst wird.
"... außerdem hat er auch so etwas an sich, so eine gewisse Blasiertheit.... die ich vielleicht auch falsch interpretiere, aber das ist halt auch mein Eindruck, die geht mir jedes Mal schrecklich auf die Nerven. Und auch sein Humor ist nur dann gut, wenn er selbst einen Witz macht - entgegennehmen kann er hingegen kaum etwas. Und dann habe ich jedes Mal, wenn ich bei ihm bin, den Eindruck, dass er trotz seines philosophischen Studiums ein ziemlicher Flachdenker ist."
"Was," wirft Paul ein, "in aller Welt findest du an dem Kerl dann anziehend?"
"Das sind immer nur die Eindrücke, die ich habe, wenn ich bei ihm bin. Sobald ich die Kanzlei verlassen habe, überdenke ich das ganze noch einmal, und dann relativiere ich die negativen Eindrücke meist. Aber dann ist es zu spät ihn zu fragen, ob er mal Zeit für ein Gespräch hätte. Dazu müsste ich zurück in seine Kanzlei, aber sobald er erneut vor mir steht, wird er mir gleich wieder unsympathisch!"
Ich seufze.
"Um also deine Frage zu beantworten, mein lieber Paul: An einem Mann reizt mich allem Anschein nach am meisten, wenn er nicht in Reichweite ist."

19
Feb
2008

Igitt

"Paul, ich muss meine unlängst postulierte Behauptung revidieren".
"Ach was?"
"Ja. Ich hatte heute in der Straßenbahn eine Begegnung."
"Positiv oder negativ?"
"Abstoßend. Ich stand da so neben dem Entwerter, da kam ein Mann auf mich zu... also, eigentlich auf den Entwerter zu, da er in der ausgestreckten Hand einen Fahrschein hielt und den eben abstempeln wollte. Dieser Mann hatte eine herunterhängende Unterlippe. So richtig feucht und dick und runterhängend, so dass die unteren Schneidezähne samt Zahnfleisch frei lagen. Und als der so auf mich zukam durchfuhr mich ein Schauer und ich dachte: Um Gottes Willen, hoffentlich will mich der nicht küssen! Was natürlich Quatsch war, da ich ja wusste, dass er nur den Fahrschein stempeln wollte. Aber der Horror dieser Vorstellung war trotzdem da."
"Ja, äh... und?" zögerte Paul mich zu begreifen.
"Jetzt weiß ich, dass ich doch nicht ganz so tolerant bin, wie ich vor kurzem behauptete. Dass es doch einige Dinge gibt, die mich optisch stören. Und eine herunterhängende, feuchte Unterlippe gehört definitiv dazu!"
Paul nickt stumm.
"Ich meine, der Typ war ungefähr mitte Fünfzig, ziemlich dickleibig und seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen vielleicht auch nicht ganz bei Sinnen. Aber die Unterlippe, die war der Horror. Wenn ich mir vorstelle, so jemanden küssen zu müssen..." Ich schüttelte mich angewidert. "Hängende Unterlippen sind ein Auschlussfaktor. Das, und mangelnde Körperhygiene."
"Was, wie kommst du denn jetzt darauf? Hat der Typ auch gestunken?"
"Nein, aber mir fiel gerade ein, dass manche Männer sich nicht richtig waschen, und das an den entscheidenden Stellen."
"Was?"
"Glaub mir, Paul, das willst du so im Detail nicht wissen."
"Jetzt hast du schon damit angefangen, also raus damit!"
Ich seufzte. Das würde kein gutes Ende nehmen.
"Manche Männer duschen sich zwar täglich, manche sogar mehrmals, aber sie lassen das Wasser nur so an sich runterrinnen. Die ziehen beim Waschen nicht die Vorhaut zurück oder schrubben sich nicht auch mal zwischen den Pobacken."
"Nein, das glaube ich nicht."
"Doch, ist aber so."
"Woher willst du das wissen?"
Ich warf ihm einen genervten Blick zu. "Weil ich vermutlich mit mehr nackten Männern auf Tuchfühlung war als du."
"Igitt!"
"Ja, das sage ich auch. Leider sieht man es solchen Typen nicht an, ob sie Körperfaltenschweine sind oder nicht. Aber du als Mann kannst mir vielleicht erklären, wieso sich manche Männer an diesen Stellen nicht waschen!" Der letzte Satz war ironisch, keineswegs aber ernst gemeint, weil ich genau wusste, dass Paul keine Erklärung parat hatte. Ich wusste ja nichtmal, ob er nicht vielleicht auch zu den Körperfaltenschweinen gehört, seine Freundin dies aber schweigend duldet, wie so viele Frauen es offensichtlich tun, denn die Exemplare, mit denen ich es zu tun gehabt hatte, waren allesamt keine Jungfrauen mehr.
"Naja, vielleicht haben es ihnen ihre Mütter nicht beigebracht..."
"WIE BITTE??"
"Vielleicht haben die es nie gelernt, dass man sich da waschen muss."
Ich schwieg eine Weile sprachlos vor mich hin, dann holte ich tief Luft.
"Paul, ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir meine Mutter JEMALS eine Sachunterrichtsstunde in "Wie wasche ich meinen Arsch" gegeben hätte. Das war für mich immer selbstverständlich, weil man damit auch sein Geschäft verrichtet und es ergo zu Geruchsproblemen kommen kann, wenn da keine Seife rankommt."
Paul zuckte mit den Schultern. "Tja, ist ja nur so eine Vermutung."
"Ja, aber offensichtlich hältst du das Argument für plausibel! Wie doof sind Männer eigentlich...?!"
"Jetzt nicht verallgemeinern, ja? Ich sage ja nicht, dass ICH es von meiner Mutter beigebracht bekommen habe, aber diese Männer, die es betrifft... nunja, vielleicht... Ach, weißt du was? Du bist einfach viel zu wählerisch!"

30
Jan
2008

Kinderwunsch

Meine Eltern waren zu Besuch und ich war so unvorsichtig, ein Glas Saurer Gurken rumstehen zu lassen. Kaum wurde mein Vater derer angesichtig, trat ein erwartungsvolles Glitzern in seine Augen und er konnte kaum die Erregung in seiner Stimme unterdrücken als er fragte:

"SCHWANGER??"

Mein Vater wünscht sich Enkel. Sehr, sehr heftig.

Sobald ich 40 bin, werde ich einfach behaupten, ich sei im Klimakterium.

7
Jan
2008

Liebe und Schokolade

Paul und ich hatten eine Konversation. Das bedeutet, Paul gab mir gute Ratschläge, ich hatte für jeden dieser ein Gegenargument, und nach 3 Hin- und Herdiskussionen beließ er es dabei, dass "ich einfach stur sei".
So oder so ähnlich verläuft das meistens, ich bin darüber mittlerweile auch gar nicht mehr gekränkt oder beleidigt. Man meint es gut mit mir, man gibt mir Aspirin C, jedoch bin ich auf Aspirin allergisch. Ja und was nun? Dann muss ich eben leiden.

Es ging zunächst um zwischenmenschliche Beziehungen. Ich meinte, damit hätte ich ja kein Problem, ich habe sogar einige sehr gute, innige Freundschaften. Dann glitt der Schwerpunkt der Konversation jedoch über auf die intimen Beziehungen, und damit fängt meistens die Misere an.

Paul kann es als langjähriger Beziehungsnesthocker nicht verstehen, wie man sich, wie ich behaupte, nicht verlieben kann. Sowas passiere doch einfach! Da sehe man jemanden... HA! hake ich ein, das passiere mir eben NICHT! Weil ich mich nicht am Aussehen der Menschen orientiere.
"Ja, wie nun?" fragt Paul irritiert.
"Ich sehe keine Menschen, die mir gefallen. Solange ich sie nicht kenne, sehen sie für mich alle gleich aus." Natürlich nicht optisch, aber gleich im Sinne von gleich interessant. Oder in meinem Falle eher uninteressant.
"Aber du hattest doch schon Beziehungen..."
"Eher Affären."
"Gut, aber die müssen dir doch auch gefallen haben."
"Nein. Sie wurden für mich attraktiv, nachdem ich mich für sie zu interessieren begonnen habe. Aber ich habe mich nicht aufgrund ihres Aussehens für sie interessiert, sondern aufgrund ihres Charakters, der mir, zumindest kurzfristig, anziehend schien."
"Aber du musst doch irgendeinen 'Typ' haben - dunkel, blond, groß, klein, dick, dünn..."
"Nein. Ist mir alles gleich. Solange es nicht Extreme sind, also, einen 400 kg-Partner möchte ich jetzt auch nicht unbedingt, das stelle ich mir einfach mühsam vor, aber ich habe einfach keinen Typ."

Paul starrt mich an, als hätte ich ihm eben gestanden, Mitglied einer ziemlich verdödelten Sekte zu sein, die die Heilige Papaya anbetet, oder etwas in der Richtung.

Er gibt jedoch nicht auf. "Wie auch immer," meint er, "dann gehst du eben nach dem Charakter. Dazu reicht dann halt nicht der erste Blick, du musst den Menschen die Chance geben, sie kennenzulernen!"
"Ja, aber welchen Menschen? Ich erkenne den tollen Charakter ja nicht an der Nasenspitze, und ich kann schwerlich auf der Straße ein Dutzend Männer einsammeln und sie ins nächste Café schleppen, um dort ihre Charaktere auf Herz und Nieren zu prüfen."
"Warum nicht? Wäre mal interessant." Er grinst. Ich nicht.
"Mein Problem ist, dass ich, wenn ich mich schon mal unter Menschen begebe, von all dem Gesocks so irritiert bin, dass mir im übertragenen Sinne die Augen zu tränen beginnen und ich den Traumprinzen vermutlich nichtmal dann erkennte, wenn er vor mir stünde."

Paul versteht nicht, ich überlege kurz, dann kommt mir ein genialer Vergleich.
"Das ist wie mit Schokoläden. Ich hab's noch nie geschafft, mir in einem Schokoladen das zu kaufen, was ich gerne hätte. Ich stehe vor dem Schaufenster und sehe mich um, sehe aber nur einen Teil des Angebots. Also betrete ich den Laden, und spätestens dann ist alles aus. Nach 5 Sekunden Aufenthalt in dieser Duftwolke, dem olfaktorischen Overkill schlechthin, vergeht mir der Appetit. Ich erinnere mich dann maximal daran, dass ich gerade eben noch einen solchen hatte, kann ihn aber nicht mehr nachvollziehen. Also kaufe ich, um schnell wieder nach draußen zu gelangen, das, von dem ich logisch annehme, dass ich es gewollt haben könnte. Erst nachdem ich wieder 20 Minuten frische Luft geatmet und meinen Kauf begutachtet habe, merke ich, dass ich auf dieses Zeug ganz sicher nie Appetit hatte. - Siehst du, und so geht's mir mit Menschen! Aus dem Gewühl den richtigen zu picken, während man vom Gestank der Massen vernebelt wird..."

Paul starrt wieder, jetzt, als sei ich die Heilige Papaya in Person.

Das Erlebnis sei ihm fremd. Er liebe den Geruch von Schokoläden, er könne Stunden und Tage darin verbringen.
Na also, da haben wir's wieder.

4
Jan
2008

Der Deal

Ich habe noch gar nicht erwähnt, wie konkret meine Vereinbarung mit Paul (mich den Menschen zu öffnen) nun eigentlich aussieht. Es liegt mitunter daran, dass ich das selbst noch nicht so genau weiß. Wie nimmt man mit einer diffusen Masse Kontakt auf? Man will ja nicht alle gleichzeitig umarmen (würg!), sondern vielmehr vereinzelte Edelsteine aus dem tauben Gestein schlagen.

Ich war froh, als Paul mir immerhin dahingehend Recht gab, dass ich mich nicht mit Marlene-Dietrich-Attitüde in verrauchten Bars an die Theke stellen und fremde Männer oder Frauen anquatschen muss. Paul meinte, eine Frau die alleine in eine Bar gehe, wirke wie eine verzweifelte Übriggebliebene. Ich überlegte kurz, wie zutreffend diese Beschreibung auf mich wohl sei (fallweise, ich gestehe es, fühle ich mich ja durchaus einsam und dann hämmert gleich die Torschlusspanik von innen gegen meine Schädelplatte), sagte dann aber nichts, weil ich um nichts in der Welt "auf Aufriss" gehen will. Das tut man, wenn man noch jung ist, aber in meinem Alter (gefühlte 94) ist das einfach nicht mehr opportun.

Wir fanden beide keine eindeutige Lösung des Problems, daher solle ich jetzt mal klein anfangen. Es reiche ja schon, wenn ich mich erstmal nach draußen begebe, das tatsächliche Kennenlernen eines anderen Menschen sei noch nicht so vorrangig. Und da man in Wien nunmal so schön untertags stundenlang in Kaffeehäusern rumsitzen kann, werde ich diese Vorliebe aus Jugendjahren wieder aufgreifen.

Ach ja, nochwas: Ich werde auch mein vor Jahren abgebrochenes Studium wieder aufgreifen. Einfach so. Nicht unbedingt mit dem Ziel, es beruflich zu nutzen, sondern um mich wieder ins Leben einzuführen und nebenbei ein bisschen von diesem Ziel abzulenken. Sonst verkrampfe ich mich nämlich. Die letzen Jahre lebte ich wie erwähnt sehr zurückgezogen, hatte meinen Job vom Büro immer mehr in meine 4 Wände verlagert und mich außer zum Einkaufen kaum mehr noch unter die Leute begeben.

Meine Güte, ich muss gerade an den Film "Crumb" denken... 8-[

2
Jan
2008

Paul, der Lebenswisser

Ich möchte festhalten - oder gestehen - dass Paul gar nicht existiert. Zumindest nicht so am Stück, in eine einzige Form gegossen. Paul ist die Verkörperung aller guten Ratschläge, die mir mein soziales Umfeld in Sachen Geselligkeit immer wieder eintrichtert. Es erleichtert das Schreiben ungemein, wenn ich nicht mit einer Unzahl von Namen jonglieren muss, sondern all die Lebensweisheiten aus einem einzigen Mund fließen lassen kann: Pauls. Er setzt sich sowohl aus den Aufforderungen meiner Eltern zusammen, endlich für Enkelkinder zu sorgen, als auch aus wohlmeinenden Tipps von Freunden und Bekannten, manchmal sogar wildfremden Leuten aus dem Internet. Demzufolge ist Paul ein lieber, aber fürchterlich normaler Mensch, der so gar nicht verstehen will oder kann, wie es ist, wenn man irgendwie falsch in diese Gesellschaft eingeschraubt ist. Der einzige Baum im Wald.
Paul ist aber, und das möchte ich betonen, noch mehr. Nämlich die kleine rationelle Stimme, dieses eine Zehntel Konventionalität, die ich selbst in mir trage. Der kleine Teil, der den gutmeinenden Ratschlägern stets Recht gibt und mich mitunter sogar dazu treibt, auf sie zu hören. Selten - aber immerhin nicht niemals - mit Erfolg gekrönt.

In meinem Kopf hat Paul übrigens eine feste Lebensgefährtin und einen kleinen Sohn. Nur um allfällige Ideen aus dem Weg zu räumen, ich könnte mir ja mit ihm was anfangen. ;-)
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Menschenleer

ein Baum allein im Wald...

Worum es geht

Dokumentierter Versuch, mich als Misanthrop zu resozialisieren und in meiner direkten Umgebung Menschen kennenzulernen, die mich nicht nach fünf Minuten langweilen. Ach ja, Zyniker bin ich auch noch, und da ich in Wien lebe, ist mein Projekt ohnehin zum Scheitern verurteilt.
Ich bin übrigens weiblich, verzichte aber aus Bequemlichkeit auf die feminine Form. Hier geht's zur Selbstdarstellung.

Erreichbar unter

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