Unter Menschen

12
Jun
2008

Ich habe einen Fan

... und er ist wie in solchen Fällen üblich zu schüchtern oder zu verschreckt, um aktiv zu werden.

Was mich hier auch nicht wirklich stört, weil ich mit dem Manne nichts anzufangen weiß. Er ist ein lieber, normaler Kerl, ein bisschen wie Paul, und zu allem Überfluss auch noch Raucher. Nie wieder Raucher, tut mir leid. Aber wie gesagt, hier besteht keine Gefahr, denn ich habe - wie so oft - meine gefährliche Ausstrahlung unter Beweis gestellt.

Es handelt sich bei dem Jüngling (ich hege den Verdacht, er ist jünger als ich) um einen Angestellten meines Steuerberaters. Ein Steuerberater-Azubi also. Was Normaleres und Braveres ist wohl kaum vorstellbar. Ja, und wenn ich schon mal jemanden beeindrucke, dann ist es entweder ein Geisteskranker (siehe Haustrottel), ein Raucher oder ein Milchbubi. Oder eine Mischung von alledem.

Da ist es wohl gar nicht so schlecht, dass ich die Aura einer Hornissenkönigin mit PMS mit mir rumzutragen scheine, von diesen Leuten will ich ohnehin nichts, aber ärgern tut es mich dennoch. Wieso haben so viele Männer Angst vor mir? Nicht, dass sie es je zugeben würden. Aber was halte ich davon, wenn mein Steuerberaterazubi mir berauschte Bewunderungsmails (bezüglich meiner Arbeit, was nicht wirklich angebracht ist, denn er kennt meine finanzielle Lage!) schreibt und sogar eine meiner Dienstleistungen in Anspruch nimmt, um dann grinsend wie ein Schmalzbrot vor mir zu stehen und keinen gescheiten Satz rauszubringen? Nein, davon halte ich wenig, das finde ich deprimierend. Denn sogar der Haustrottel bringt noch mehr Mut zur Konversation auf.
Klammheimlich vermute ich ja, dass ich sowieso ALLEN Männern Angst einflöße, bloß gibt es ein paar Randgruppen, die das als tolles Ereignis empfinden, während die übrigen gleich Reißaus nehmen.

Irgendwo in meinem sechsten Haus krebst Lilith herum. Mein Onkel, ein Astrologe, hat mir sowas mal bestätigt, dass also in einem astrologischen Bereich, der wohl für soziale Kontakte und Beziehungen steht, diese Lilith, Urmutter aller Dämonenweiber, ihr Unwesen treibe. Oder so. Kann sein, dass ich die Details durcheinanderbringe, ich merke mir das astrologische Zeugs so schlecht, aber wenn Lillith einer PMS-geschüttelten Hornissenkönigin gleicht, dann haben die Sterne wohl recht.

26
Mai
2008

Grauen

Kann sich noch jemand an die Cabbage Patch Kids erinnern? Das sind jene deformierten Puppen, die aussehen, als würden sie gerade freudig an einem künstlichen Gebiss oder ihrer eigenen Zunge ersticken und die man 'adoptieren' konnte (kein schlechter Marketinggag für Leute, denen man alles andrehen kann, sofern es nur blödsinnig genug ist).

Ich hatte immer gedacht, das Design dieser Scheußlichkeiten entstamme einem abstrakt schaffenden Künstler oder einem Horrorfilmmaskenbildner. Bis heute. Da wurde ich eines Kindes gewahr, das absolut haargenau wie das glatzköpfige CPK unten in der Mitte aussah.

cabbage

Zu meinem Glück saß ich in der Straßenbahn und das Mutantenkind außerhalb, so war ich schnell wieder von dem Anblick erlöst.
Aber da soll man sich noch wundern, wenn ich mich vor der Menschheit scheue?

14
Mai
2008

Studium II

Leider erweist sich das Studium in resozialisierender Hinsicht nicht unbedingt als Quell der Erbauung. Auch hier hat sich seit meinem Erstversuch nicht viel geändert, außer, dass ich älter geworden bin und nunmehr selbst als Alien durch die Lehrveranstaltungen schleiche. Früher war ich eins von diesen jungen, hirnlosen Dingern, die sich selbst für weltweise und alle anderen für Deppen halten. Zwar tue ich das heute immer noch, ich weiß jedoch, dass ich es damals nicht war (weltweise nämlich). Ich war einfach nur unerfahren und überheblich. Und wenn ich in 10 Jahren an jetzt zurückdenken werde, werde ich vermutlich zur selben Erkenntnis gelangen.
Wie auch immer, ein bisschen Lebenserfahrung ist schon dazugekommen, die fehlt den Grünhörnern natürlich. Was zum einen befriedigt, zum anderen frustriert, denn von den Lehrbeauftragten wird man genauso behandelt wie das junge Gemüse. Um Respekt und Achtung seitens der Dozenten zu erlangen, sehe ich (leider) noch nicht betagt genug aus.

Gerade in den Geschichtswissenschaften tummeln sich haufenweise Seniorstudenten, in einigen Fakultäten ist das so schlimm, dass eine Lehrveranstaltung eher einem geriatrischen Aufmarsch ähnelt. Die Klassische Archäologie schießt diesbezüglich den Vogel ab. Da saß ich in einer Vorlesung, bei welcher der Altersdurchschnitt der im Saale Anwesenden zwischen 60 und 65 lag, aber auch nur deshalb, weil 3 jugendliche Studentinnen sowie die cirka 35-jährige Vortragende den Mittelwert nach unten drückten. Unglaublich. Ich erwartete fast schon, dass irgendeinem Fossil die Herz-Lungen-Maschine mitten während der Vorlesung den Dienst versagt.

Man verstehe mich nicht falsch. Auch die Vorkriegsgeneration hat ein Anrecht auf Bildung. Ich frage mich bloß, wieso diese Leutchen ausgerechnet Archäologie zu studieren beginnen. Die können doch im Leben keine Schaufel mehr heben, wenn sie schon Mühe haben, den Löffel mit der täglichen Medizin zum Mund zu führen. Aber gut, sie zahlen brav ihre Studiengebühren, und das ist das einzige, was Vater Staat interessiert.

Ich mit meinen Mitte 30 bin unter den Studenten in der absoluten Minderzahl. In meinem Alter hat man sein Studium längst beendet und widmet sich entweder der akademischen Karriere oder aber der Aufzucht des Nachwuchses. Dementsprechend klein ist der Kreis an Gleichgesinnten, der sich für mich dort findet. Alle entweder zu jung oder zu vergreist. Die einen reden von Themen, denen ich längst entwachsen bin, den anderen fällt beim Reden das Gebiss aus dem Mund.
War das jetzt böse? Nein, denn das Altvolk an den Unis ist mitunter unerträglich. Sie halten sich nämlich für weltweise und alle, die jünger als sie selbst sind, für Deppen, und mit dieser Meinung halten sie noch nicht einmal hinter dem Berg. Impertinent!

12
Mai
2008

Studium I

Es ist ein Kreuz mit der Zeit. Oder vielleicht ist es auch ein Kreuz mit der menschlichen-enleeren (sprich: meiner) verdrehten Annahme, ein Studium plus Berufstätigkeit würde in mehr Freizeit resultieren. So konkret habe ich das zwar nicht angenommen, aber irgendwie war da schon die Vorstellung, ich würde täglich mit einem ganzen Arm voll Anekdötchen heimkehren und die dann genüsslich hier festhalten.

Hat sich was. Weder gibt es Anekdötchen, noch hätte ich die Muße, diese abzutippen. Ein paar Skizzen schulde ich Frau twoblogs noch, aber die sind auch eher unspektakulär. Die Zeit, mich stundenlang in Kaffeehäusern mit der Beobachtung von Mutanten Mitmenschen zu beschäftigen, fehlt mir ebenso, wie die Skizzen dann auch noch einzuscannen.

Vielmehr machte ich im Zuge meines Studienzweitversuchs die Erfahrung, dass sich seit meinem Erstversuch nichts geändert hat. Erschreckenderweise absolut GAR nichts. Außer vielleicht, dass man in Bibliotheken jetzt bequem via Online-Datenbank anstelle von mühsamen Zettelkatalogen suchen kann. Korrigiere: könnte. Das kann man nur, wenn man das Richtige studiert, was ich logischerweise nicht tue. Dort, wo ich mir Weisheit zu finden erhoffe, wühlt man nach wie vor in zerschlissenen Karteikartenordnern, die genau so unvollständig sind wie die zugehörigen Bibliotheksbestände. Intelligenterweise sind diese nämlich ungesichert, und so kann dort jeder nach Lust und Laune klauen, wie ihm gerade der Sinn steht. Dass dies auch getan wird, liegt auf der Hand, und ergo gleichen sich unvollständige Zettelkataloge einerseits und lückenhafte Buchbestände andererseits in stiller Eintracht aus. Auch eine Form der Harmonie.

Einige der Bibliotheken sind dennoch überraschend übersichtlich geordnet, man findet nahezu jedes Buch - sofern nicht entwendet - anhand der Signatur binnen Sekunden. Anders in einer speziellen Fachbibliothek, die zusätzlich zu Lücken im Verzeichnis und Bestand auch ein faszinierendes Paradebeispiel der Entropie darstellt. Die Logik, nach der dieses System aufgebaut ist, muss nach einem ähnlichen Prinzip wie die Quantenmechanik funktionieren. Oder die der verschränkten Teilchen. Schrödingers Katze hat sich in dieser Bibliothek vermaterialisiert, ich glaube, so richtig verstehen tut das System dort keiner, und ich habe den dumpfen Verdacht, dass man seine Doktorwürden nicht aufgrund wissenschaftlicher Leistung erhält, sondern weil man es irgendwie geschafft hat, ein ganz besonders schwierig zu findendes Buch aus den Tiefen dieser Quantenbibliothek rauszukramen.

Das Alter der Bücher variiert. Anders als bei sogenannten 'sinnvollen' Studien, welche sich notgedrungen immer am neuesten Wissensstand befinden müssen, ist mein Studium eins, wo etwa ein Drittel der empfohlenen Sekundärliteratur noch aus dem 19. Jahrhundert stammt (und auch die Bücher sind meist noch aus dieser Zeit, Neuauflagen gibt es kaum). Die Primärliteratur, so überhaupt vorhanden, ist noch ein paar Jahrtausende älter. Womit ich jetzt endlich den Schleier lüfte: es ist ein Geschichtsstudium. Und zwar ein solches, welches mir, sollte je der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass ich es abschließe, mich dazu berechtigt, mir einen Lederhut und eine Peitsche zuzulegen und mich dann actionreich durch sämtliche Grabungsstätten dieser Erde zu schwingen.

15
Apr
2008

Neid

Der letzte Gang unter Menschen hat sich eigentlich schon am Mittwoch zugetragen, also vor knapp einer Woche. Das wahnwitzige Wieder-studieren hinderte mich daran, früher darüber zu schreiben. Oder vielleicht musste auch erst der Ärger verrauchen.

In meinem realen Leben bin ich ... hm, sagen wir mal in einem bestimmten Bereich tätig, und das zu allem Überfluss nicht ganz erfolglos. Die Tätigkeit beinhaltet den (bescheidenen) Gang an die Öffentlichkeit und richtet sich an ein Auditorium im weitesten Sinne, also ein Publikum, das den Inhalten, die ich so in die Welt streue, mehr oder minder interessiert, auf alle Fälle aber freiwillig folgt. Und da ich nicht die einzige bin, die diese Tätigkeit ausübt, habe ich in dem Bereich auch Fachkollegen.

Ja, und das ist der Punkt, wo die Misere beginnt.

Zwar bin ich weit davon entfernt, ein Millionenpublikum um mich zu scharen, aber im Vergleich zu meinen lieben Kollegen, die jeder inklusive Schwiegermutter und sich selbst vielleicht ein gutes Dutzend Menschen mit ihrer Arbeit begeistern, habe ich ein paar Konsumenten mehr.
Ich wäre die letzte, die behauptete, dass das an meiner herausragenden Qualität läge. Vermutlich ist es die Summe aller Teile, das große Ganze, die Melange. Vielleicht deckt sich meine Art der Inhaltsvermittlung besser mit dem, was sich die Mehrheit erwartet. Ich hab keine Ahnung warum das so ist, und ich würde lügen, behauptete ich, dass es mir gegen den Strich gehe. Meinen lieben Berufskollegen ist es aber seit jeher ein Dorn im Auge, dass jemand wie ich, ein Quereinsteiger, der das Handwerk nichtmal richtig studiert oder gelernt hat, soviel mehr positives Feedback erhält als sie selbst. Und so wird halt an allen Ecken gestichelt, wo nur geht.

In regelmäßigen Abständen finden Treffen dieser Berufsgruppe statt, zu denen ich nur sehr selten erscheine, vornehmlich aus oben genanntem Grund. Sie sind zwar alle sehr freundlich und es fällt da kein wirklich böses Wort. Der Neid schwingt eher in Randbemerkungen durch, wie der beständigen Bewunderung, dass man "mit sowas" (i.e. meiner Arbeit) soviel Erfolg hat. Oder dass ich ja eigentlich nur den Mainstream bediene (i.e. die tumbe Masse, denn das intelligente Fachpublikum fühlt sich von mir eh nicht angesprochen). So und dergleichen, immer mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

Letzte Woche war ich nach längerer Zeit wieder bei so einem Zusammenkommen, es verlief wie immer. Freundlich, nett und neidisch, dass man meinte, sie hätten alle Hepatitis im Endstadium.

Ich versteh's nicht. Ich persönlich freue mich für jemanden, wenn er ein bisschen Erfolg hat. Und wenn mir die Sache, die er macht, nicht gefällt, dann staune ich vielleicht, versuche aber zumindest, sie zu verstehen.
Das Problem ist wohl, dass ich mir da eine zuhöchst konservative Branche ausgesucht habe, in der es als Todsünde gilt, wenn man nur einen Millimeter vom vorgegebenen Weg abweicht. Man muss in ein Schema passen, sonst hat man keinen Wert. Oder so ähnlich. Ich finde das jedenfalls sehr deprimierend.

28
Mrz
2008

Baumfällen

Hatte ich doch unlängst erwähnt, einen zweiten Baum getroffen zu haben. Der hat sich nach näherem Hinsehen allerdings eher als Schlingpflanze erwiesen, weshalb ich schweren Herzens die gute alte Axt aus dem Schuppen holte und dem Klettergewächs den Garaus machte, ehe es mir die Luft abdrücken konnte.

Dies beschreibt in etwas blümeranten Worten die Tatsache, dass ich den guten Mann abserviert habe... besser gesagt, abservieren musste, weil er leider an notorischer Eifersucht leidet, und das Vergnügen hatte ich bereits in einem früheren Leben, danke sehr.

Dafür habe ich mich letzten Montag doch tatsächlich wieder in die Wildnis begeben und mich mit einem anderen Menschen getroffen. Ein nettes Gespräch wurde daraus, allerdings liegen zwischen diesem und heute 3 Tage Menstruationskrämpfe, weswegen ich nicht wirklich gut gelaunt bin und ergo auch mit keinen saftigen Details aufwarten kann. Vielleicht bin ich auch ein wenig enttäuscht über den Irrtum bezüglich des Baummenschen (aber gut, man kann eben nicht alles auf einen Blick erkennen).

Wie auch immer, übers Wochenende muss ich erstmal eine Menge Arbeit nachholen, die während der letzten 3 Tage liegen geblieben ist. An weitere Versuche der Resozialisierung ist vorläufig mal nicht gedacht, ich glaube fast, ich werde mich für ein paar Wochen verkapseln und versuchen, mit mir selbst ins Reine zu kommen.

18
Mrz
2008

Die Iden des März

Nein, die sind nicht heute, sondern (jährlich) vom 13.-15.3. Und am 15. März des Jahres 44 v.Chr. wurde (bekanntlich oder auch nicht) Julius Caesar ermordet, der zuvor (so will es die Erzählung) vor eben jenen Iden des März gewarnt worden sei, sich dies missachtend aber dennoch zum römischen Senat begab. Wo ihn dann ziemlich viele Messer begrüßten.

Am selben Tag genau 2052 Jahre nach diesem historischen Ereignis, ging ich knapp 1200 km nordöstlich von Rom, im österreichischen Weinviertel, mit einem Mann spazieren, den ich übers Internet kennen gelernt hatte. Und siehe da: Ein zweiter Baum im Wald. Das ist neu.

Wer jetzt aber erwartet, dass ich mich in romantischen Gesängen erginge, muss leider enttäuscht werden. Ich finde es zwar höchst bemerkenswert, dass tatsächlich ein weiterer einsamer Baum im Wald steht, ich finde es sogar sehr bewegend - aber mehr auch nicht. Was auch nicht bedeutet, dass ich mich mit dem Baum nicht mehr treffen werde. Doch stellt sich heraus, dass die Einsamkeit im Gewühl noch nicht wirklich ausreichend Gesprächsstoff liefert.

Mein Gott, was wird Paul mir jetzt wieder für eine Moralpredigt bezüglich meiner überzogenen Ansprüche halten!

29
Feb
2008

Der Haustrottel

Gestern war ich wieder einmal aus. Ich hatte einen guten Einfall gehabt und mich an eine im Ausgehen erfahrene Freundin gewandt. Sie ist mit all jenen schwummrigen Lokalen und Bars vertraut, in die ich mich alleine nicht zu gehen getraute. Weniger, weil ich mich vor den darin befindlichen Leuten fürchte, als vor dem Eindruck, den jene von mir haben könnten. Übriggebliebenes Weib auf Verzweiflungstour und so. Aber dafür hat man ja Freunde, und SIE ist mit Sicherheit die erfahrenste!

Der gestrige Abend war jedoch nur ein Vorspiel, wir trafen uns in erster Linie zum Plauschen und weiteren Pläneschmieden. Dabei vereinbarten wir, dass wir morgen Nacht auf ein kleines Fest gehen würden, aber daraus wird wohl nichts, da sich Emma angesagt hat. Emma, der Sturm mit Orkanpotenzial, der derzeit durch die Nachrichten geistert. Ob dieser Sturm nun tatsächlich wüten oder sich doch bloß als laues Märzlüfterl erweisen wird, ist mir eigentlich egal, ich will morgen Nacht nicht unterwegs sein. Denn wenn ich das tue, kommt Emma bestimmt.

Nicht darüber will ich allerdings berichten, sondern wie der Titel bereits verrät über meine eben stattgefundene Begegnung mit unserem Haustrottel.

Der Name klingt böser als er ist. Genau wie beim Dorftrottel, der ja auch fast liebevoll einen gutmütigen, jedoch eben nicht recht gescheiten Menschen, den dümmsten der Gemeinde, bezeichnet. In einer Stadt wie Wien, die mit Gemeinde- und Genossenschaftswohnbauten zugepflastert ist, ist diese Person eben der Haustrottel.

Der unsrige war irgendwann mal, als er noch über ein Hirn verfügte, Kellner von Beruf. Dann hat er sich dieses aber weichgesoffen und lebt jetzt von der Sozialhilfe. Er ist zu allen höflich und hilfsbereit und kümmert sich im Sommer liebevoll um die Blumenbeete. Die Halbwertszeit seines Gedächtnisses unterschreitet dabei jene eines Regenwurms, er vergisst nämlich ständig die Namen und Lebensumstände der Hausbewohner. Von mir ist er beispielsweise überzeugt, ich sei verheiratet. Wie er auf die Idee kommt, ist mir schleierhaft, aber es ist mir ganz recht, denn der Haustrottel steht auf mich.

Ja, es ist peinlich, aber was soll ich tun.

Als ich eben auf dem Weg zum Supermarkt bin, treffe ich den Haustrottel auf der Straße. Er erkennt mich nicht auf den ersten Blick, da begehe ich meinen ersten Fehler und grüße ihn höflich. Warum auch nicht, ist ja ein zuvorkommender, harmloser Mensch! Tja, Pech gehabt, denn nun kommt er auf mich zu, schwer illuminiert, und lallt einen unzusammenhängenden Satz. Die fehlenden Bruchstücke versucht er mit wilden Armbewegungen zu kompensieren, und ich stehe da und weiß nicht, was ich sagen soll. Soll ich einfach nur nicken? Das könnte fatale Folgen haben, denn was, wenn er mich eben in seine Wohnung eingeladen hat? Ich grinse daher nur dämlich und versuche, mich rückwärts aus dem Staub zu machen. Er streckt mir seine Hand entgegen, und da begehe ich den zweiten Fehler, indem ich die meine ebenfalls ausstrecke um seine zu schütteln. Er jedoch gibt mir stattdessen einen Handkuss und drückt meine Hand an seine Wange. Fast wie ein debiles Kind, einerseits rührend, andererseits - würg.

Er fragt mich (wie jedes Mal) nach meinem Namen und meiner Wohnungsnummer. Die Information kann ich ihm geben, er wird sie vergessen haben, sobald er um die Ecke gebogen ist. Er fragt, ob er vielleicht einmal vorbeischauen könne. Mich trifft fast der Schlag, ich stammle irgendwas von "nicht aufgeräumt", seine Antwort geht in meiner Ausrede unter. Ich betone, dass ich noch schnell einkaufen gehen müsse, und nachdem er mich noch zweimal zurückgerufen hat, bin ich endlich erlöst.

Jedes Mal, wenn er mich von neuem kennenlernt, erzählt er mir, was für eine schöne Frau ich sei. Was soll ich nun daraus schließen? Dass einer sein Gehirn erst in Ethanol eingelegt haben muss, um auf diese Erkenntnis zu stoßen? Ich weiß, ich sollte die Sache nicht zu ernst nehmen, aber die Begegnungen mit dem Haustrottel haben immer etwas latent Deprimierendes an sich.

20
Feb
2008

Phil

Leserin twoblogs hat mich unlängst gefragt, ob und wo es in Wien Nichtraucherlokale gebe. Ich bin da leider selbst informationsnachholbedürftig, kann aber jetzt zumindest mal eine Adresse nennen. Das Café nennt sich Phil und befindet sich in der Gumpendorferstraße 10 oder 12. Der Eingang liegt direkt an der Hausecke, ist nicht zu übersehen. Das Phil ist ein interessantes Lokal, das viele Vorteile, dafür aber auch einen gewaltigen Nachteil hat.

Die Vorteile: Zum einen ist es ein Nichtraucherlokal. Weiters ist es eine Mischung aus Buchladen, Plattenladen, Bibliothek und Café. Es stehen haufenweise Bücherregale rum, in denen man stöbern kann. Ob man einfach so alle Bücher durchlesen darf, weiß ich nicht, ich denke mir aber, dass die dadurch abgegriffen werden und sich daraufhin nicht mehr so gut verkaufen lassen, aber das sollte man vielleicht vor Ort erfragen.
Ich tat dies heute nicht, da ich mich mit einer - übrigens sehr hübschen - jungen Dame dort traf und über mehrere Stunden hinweg nett unterhielt. Und ja, ich genieße mitunter den Anblick von Frauen, wieso auch nicht. Generationen von Künstlern können nicht irren.
Im Zuge der Unterhaltung ging jedenfalls die Frage nach der Art und Benutzung des Buchangebots unter. Allein die Anwesenheit der Bücher aber bietet eine ganz eigene, wohlige Stimmung.
Weiterer nicht zu verachtender Vorteil sind die relativ niedrigen Preise.
Und das absolut beste ist, dass es bis 17 Uhr Frühstück gibt! Für deutsche Mitleser wird das nichts Besonderes sein, hier in Wien muss man aber noch lange und intensiv suchen, ehe man ein Café findet, das nach 11.30 noch Frühstück serviert. Und dann noch ein Nichtrauchercafé mit niedrigen Preisen! Wow!

Jetzt aber zu dem wirklich unerfreulichen Nachteil, welcher da ist ein Typ, der sich wohl für einen DJ in einer Palastdisco hält. Da das Lokal wie erwähnt auch ein Plattenladen ist, können sich Interessierte wohl auch den einen oder anderen Tonträger zu Gehör bringen lassen. Moderat wäre es, dies über Kopfhörer oder zumindest bei Zimmerlautstärke zu tun. Aber nein. Der selbsternannte DJ dreht den Lautstärkenregler jedesmal weit über Anschlag, so dass eine eben noch angenehme Konversation auf einmal zu einem Schreiduell ausartet, will man sich gegenseitig noch verstehen.
Ob dieser Wahnsinn im Phil Methode oder dieser Kerl gerade heute zuviel Rindfleisch gegessen hat, weiß ich nicht. Ich werde das Café ganz sicher noch öfters aufsuchen, dann wird es sich ja zeigen.

13
Feb
2008

Landtmann

Nach mehreren Anläufen habe ich es heute erstmals geschafft, tatsächlich ein Kaffeehaus aufzusuchen!
Das klingt jetzt etwas marktschreierisch und als ob ich nicht in der Lage wäre, mich in Räume vorzuwagen, in denen danach mehr als eine Person aufhältig ist. Ich bin ein geübter Kaffeehausgänger, aber finde mal einer ein nicht überfülltes Café bei dieser Arscheskälte!

Es wurde wider Erwarten das Landtmann. Das ist zwar etepetete und voller Geheimratswitwen, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, oder alternativ die wirklich leckeren (wie sauteuren) Torten vom Landtmann-Buffet. Ich bin dort auch nur deshalb eingefallen, weil der Nichtraucherbereich ein massives Upgrade erfahren hat. Seit einiger Zeit hat das Landtmann ja einen gläsernen Vorbau, und dieser ist jetzt NR-Zone. Für geruchsempfindliche Asthmatiker wie mich ideal. Wenn man also sein Geld unnötig verprassen will und sich an der etwas blasierten Klientel nicht stört, ist dieser Glasvorbau (mit Direktsicht auf Burg, Rathausplatz und Ring) durchaus empfehlenswert. Zumindest so von Zeit zu Zeit. Und man braucht sich auch nicht fürchten, dass es dort zu hochtrabend zugehe, denn gerade als ich mich niederließ, erging sich ein junges Pärchen, das eigentlich nicht weiter negativ auffiel, in der Lektüre von BILD- sowie Kronenzeitung.
Ansonst war das Publikum nicht sonderlich erwähnenswert. Ein Typ, der aussah wie eine Mischung aus Luc Bondy und Woody Allen fiel mir optisch auf, blieb aber abseits seines So-aussehens unspektakulär. Weiters beobachtete ich eine Familie, die entweder Israelis oder Perser waren. Ich tippe eher auf Perser, weil die Sprache, die sie sprachen, relativ weich war und mir eher nicht wie Hebräisch vorkam. Aber ich spreche leider kein Farsi, es bleibt also bei der unbestätigten Vermutung. Denn fragen hätte ich schlecht können. Kein Perser hätte es mir verziehen, wenn ich ihn für einen Israeli gehalten hätte und umgekehrt. Die Vorstellung, was das für einen Tumult ergeben hätte, hat mich eine Weile amüsiert, während ich meinem Verdauungstrakt eine Kirschtorte zuführte.

Warum ich diese Banalitäten überhaupt festhalte? Ich war gerade eben dabei, mich über meine Konsequenz unter Menschen zu gehen zu freuen, als mir einfiel, dass heute Abend ein loses Treffen alter Bekannter stattgefunden hat, zu dem ich eigentlich hätte gehen wollen. Hätte ich nicht darauf vergessen, weil ich stattdessen im Landtmann gesessen bin.

Insofern sind die kleinen Erfolge mitunter zugleich mittlere Niederlagen. Nun ja. In dem anderen Lokal hätte es vor Rauch gestunken, und so wirklich wollte ich diese Leute ohnehin nicht sehen.
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Menschenleer

ein Baum allein im Wald...

Worum es geht

Dokumentierter Versuch, mich als Misanthrop zu resozialisieren und in meiner direkten Umgebung Menschen kennenzulernen, die mich nicht nach fünf Minuten langweilen. Ach ja, Zyniker bin ich auch noch, und da ich in Wien lebe, ist mein Projekt ohnehin zum Scheitern verurteilt.
Ich bin übrigens weiblich, verzichte aber aus Bequemlichkeit auf die feminine Form. Hier geht's zur Selbstdarstellung.

Erreichbar unter

menschenleer [@] gmx [.] net

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